Das linke Ohr piepst. Das schrille Geräusch bewegt sich, nähert sich, poppt zurück. Als suche es den richtigen Abstand. Nicht im Ohr eigentlich, eher dahinter, im Schädelinneren.
„Terminzettel”, sagt die Kollegin. Mit Nachdruck. Aus einem unklaren Anlass heraus, wirft sie mir das Wort hin. In mir hallt es nach.
Terminzettel.
Terminzettel.
Während ich noch mit dem Geräusch im Kopf beschäftigt bin, merke ich: Wir sind im Gespräch genau dort, wo ich gerade nicht sein will. Bei den ganz konkreten Aufgaben.
Es geht um die Vertretung einer weiteren Kollegin, die ihr regelmäßig zuarbeitet, ihr aber nicht unterstellt ist. Diese fällt mindestens vier Wochen aus, sie geht in Kur. Ich beobachte den Wasserfall an Aufgaben mehr, als dass ich ihn höre, und spüre nur: zurück zu meiner Agenda. Sonst schallert das Ohr noch wilder.
Das Dilemma aussprechen hilft nicht immer
Ich spreche es aus: Lass uns erst einen Überblick verschaffen. Diese halbfertigen Aufgaben jetzt zu besprechen, macht mir Stress.
Wenig Reaktion.
Ich verstehe sie ja. Sie holt die Aufgaben jetzt zu sich und will sie verteilt wissen, weil sie Angst hat, dass sie liegen bleiben und ihr wieder auf die Füße fallen. Das ist ein Antrieb mit Kraft. Und wenn dazu noch jemand wortgewandt ist, mobilisiert dieser Antrieb alle Wortmunition und schießt sie in den Raum. Der Raum ist dann belegt. So auch jetzt. Mein Ohr reagiert empfindlich auf diese Fülle.
Ich stehe auf. Die Höhenverteilung – ich sitzend, sie stehend direkt neben meinem Schreibtisch – passt nicht mehr für mich.
Ich suche einen Ausweg und fasse zusammen, was wir jetzt tun und wer es tut. Muss neu ansetzen, weil sie mich unterbricht; sie will auch zusammenfassen, nur in einer Version, die ganz auf sie zugeschnitten ist. „Lass mich bitte ausreden”, sage ich, und versuche konzentriert gegen das Schallern zum Ende zu kommen.
Dann öffne ich die Tür und gehe hinaus. Erst das beendet das Gespräch wirklich.
Das dumpfe Gefühl hinter dem Ohr bleibt noch etwas. Erst nach dem Mittagsschlaf hat es nachgelassen.
Was der Körper früher weiß
Im Nachhinein fällt mir auf, in welcher Reihenfolge das ablief. Erst das Ohr. Dann der Gedanke.
Der Körper hatte die Situation bereits bewertet, bevor ich sie verstanden hatte. Antonio Damasio nennt solche Signale somatische Marker: körperliche Rückmeldungen aus dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, die uns schneller orientieren, als der Verstand es kann.
Es kann das Ohr sein. Bei anderen der gepresste Atem, die verkrampften Schultern, das ungute Kribbeln im Magen. Vermutlich kennen Sie Ihre eigenen Signale – nehmen Sie es auch ernst, während es da ist? Oder erst hinterher?
Gut für sich sorgen und trotzdem für andere da sein
Ich hätte das Gespräch früher unterbrechen können. Ich wusste das auch. Getan habe ich es nicht.
Das ist der Punkt, an dem Vorsätze meistens scheitern. Wir wissen genau, was uns guttäte – echte Pausen, klare Grenzen, weniger Druck – und tun es trotzdem nicht. „Ab morgen dann wirklich” greift zu kurz, weil es nur den Verstand anspricht. Und der ist in solchen Momenten nicht der relevante Taktgeber.
Meine Erfahrung: Es braucht keinen besseren Vorsatz, sondern eine andere Haltung. Eine, die auch dann noch trägt, wenn der Raum belegt ist und das Ohr schallert. Wie ein Motto-Ziel entsteht, habe ich hier schon einmal beschrieben.
Denn beides gehört zusammen: gut für sich sorgen und trotzdem für andere da sein – den Verstand benutzen und auf den Körper hören.
Drei Fragen zur Selbstreflexion
- Welche somatischen Marker machen Ihnen deutlich, dass Sie unter akutem Stress stehen?
- Wann haben Sie zuletzt ein solches Signal bemerkt – und wie lange hat es gedauert, bis Sie gehandelt haben?
- Was ist das größte Hindernis, das zu tun, von dem Sie wissen, dass es Ihnen guttäte?
Hören Sie hin, solange es noch leise ist
Ihr Felix Pritschow
Gesund, klar und wirksam bleiben – mit einem Motto-Ziel
Wenn Sie Ihre Signale kennen, aber trotzdem nicht danach handeln, liegt das selten am Willen. Es liegt daran, dass gute Vorsätze nur den Verstand erreichen.
Im Workshop „Mit dem Motto fängt es an” erleben Sie an einem eigenen Anliegen, wie eine Haltung entsteht, die auch unter Druck trägt – und wie Selbstfürsorge aufhört, sich wie eine weitere Pflicht anzufühlen.
Dienstag, 24. November 2026, 16.30–19.30 Uhr. Online. Kostenfrei zum Kennenlernen.
Und wenn Ihnen beim Lesen jemand eingefallen ist, dem das gerade guttun würde: Leiten Sie diese Mail gern weiter. Der Workshop findet online statt – Entfernung spielt also keine Rolle.

